Interview mit Ross Jackson

Sechs Fragen an Ross Jackson

Frage: In „Occupy World Street“ geben Sie eine fundierte und radikale Analyse des sogenannten „Freien Marktes“. Sie sind davon überzeugt, dass der „Freie Markt“ das Überleben der Welt, der Menschheit gefährdet. Warum?

Ross Jackson: Die Regeln der Welthandelsorganisation bestrafen jedes Land, das Initiative zeigen und die Umweltstandards für die einheimischen Produzenten verschärfen will, zum Beispiel durch eine Steuer auf C02-Emissionen. Grund für diesen grotesken Effekt ist, dass die WTO keine Zölle auf ausländische Produkte erlaubt, die nach niedrigeren Standards produziert wurden. Das bedeutet: Schärfere Bestimmungen in einem Land würden direkt dazu führen, dass die einheimischen Produzenten Marktanteile an ausländische Konkurrenten mit schlechteren Produkten verlieren. Und darauf weist die einheimische Exportwirtschaft in Gesprächen mit der politischen Führungsebene natürlich gerne hin, sodass die Politik die Initiative für höhere Standards schnell wieder fallen lässt. Das Resultat ist, dass die technologischen Innovationen, die wir für unsere Zukunftsfähigkeit brauchen, abgewürgt werden oder sich viel zu langsam durchsetzen. Die Welthandelsorganisation wurde gegründet, um die Interessen großer internationaler Konzerne zu vertreten und nicht die der Umwelt oder der Menschen. Wenn wir eine nachhaltige Zukunft wollen, müssen wir sie abschaffen und durch eine völlig anders aufgestellte Handelsorganisation ersetzen.

Frage: Veränderungen scheinen für uns Menschen schwierig zu sein – sogar wenn alle wissen, dass die Strategien, die bislang funktionierten, heute nicht mehr funktionieren sondern alles zerstören, fällt es uns ungemein schwer, etwas zu ändern. In Ihrem Buch entwickeln Sie so etwas wie einen Projektplan für die Reform der Weltwirtschaft und der politischen Instrumente. Was macht Sie so sicher, dass dieser Wechsel wirklich möglich ist und wie können wir alle diesen Wechsel in unserem täglichen Leben unterstützen?

Ross Jackson: Ich bin nach wie vor Überzeugt, dass Wandel möglich ist, denn die Absurdität der herrschenden Politik des immerwährenden Wachstums ist für viele Leute so offensichtlich geworden, dass ihre Vertreter früher oder später abgewählt und durch realistischere Politiker ersetzt werden, die die Frage unseres Überlebens ernst nehmen. Wir müssen lernen, bescheidener und mit weniger schädlichen Auswirkungen auf unsere Umwelt zu leben, ein Leben, das zugleich befriedigender ist, weil es sich um Solidarität, Kreativität und kulturellen Reichtum dreht und nicht mehr um die wilde Jagd nach immer mehr materiellen Gütern, die nur zu Stress, Konflikten, Gesundheitsproblemen und Frustration führt.

Frage: Wenn heute alle Menschen den Lebensstandard hätten, den z. B. die Menschen in den USA heute pflegen, bräuchten wir drei oder vier zusätzliche Planeten. Warum ignorieren die meisten Menschen diese Tatsache und setzen weiterhin auf Wachstum?

Ross Jackson: Die Vorstellung, unseren ökologischen Fußabdruck in Europa um den Faktor sechs zu reduzieren, scheint so furchteinflößend und fernab unserer Alltagsrealität zu sein, dass wir sie komplett verdrängen – wir alle, samt unserer politischen Führung – und lieber über anderes reden. Es erfordert schon sehr viel Mut, sich freiwillig an ein solch großes Projekt zu wagen. Das wahrscheinlichste Szenario ist daher, dass sich die unvermeidlichen Veränderungen „plötzlich und unerwartet“ vollziehen, ohne dass wir die Ereignisse kontrollieren könnten. Ironischerweise ist es allerdings nun so, dass gerade die Einsicht in die Unvermeidlichkeit der kommenden Veränderungen uns dazu motivieren kann, jetzt doch zu handeln.

Frage: Sie haben ein weltweites Netzwerk von Ökodörfern (Ecovillage) gegründet. Wie viele Ökodörfer gibt es und was macht den Unterschied zwischen einem Ökodorf und einem „normalen“ Dorf/einer normalen Stadt?

Ross Jackson: Was man unter einem „Ökodorf“ versteht, ist nicht klar festgelegt, von daher weiß niemand, wie viele es gibt, aber wir können schon von mehreren tausend ausgehen, wenn wir die kleineren Siedlungen einschließen. Der Hauptunterschied zu einem „normalen“ Dorf ist der gemeinsame Wertekanon der Bewohner – ein tiefes ökologisches Verständnis, Solidarität mit allen Rassen, Religionen und Kulturen und die Sehnsucht nach gemeinschaftlichem Leben, sozialer Interaktion und tragfähigen persönlichen Beziehungen.

Frage: Sie haben außerdem den Gaia Trust haben Sie gegründet. (www.gaia.org) Wofür steht Gaia, wie arbeitet der Gaia Trust und was sind seine Ziele?

Ross Jackson: Der 1987 gegründete gemeinnützige dänische Gaia Trust unterstützt Initiativen, die den Weg in eine nachhaltigere Zukunft ebnen. Seine zwei wichtigsten Maßnahmen bisher waren die Gründung des Global Ecovillage Network, eines Netzwerks von Ökodörfern einschließlich städtischer Siedlungen und traditioneller Dörfer in Entwicklungsländern, das dem Austausch von Informationen und Erfahrungen dient und so zum wichtigen Akteur des Übergangs zu Nachhaltigkeit werden soll, und die Einrichtung von Gaia Education, eines Programms, bei dem man die Planung und den Aufbau nachhaltiger Gemeinschaften lernen kann – vier Wochen vor Ort oder acht Monate per Internet. Darüber hinaus hat der Gaia Trust hunderte kleinerer Projekte in mehr als 40 Ländern unterstützt.

 

Frage: Sie waren viele Jahre lang Manager und Unternehmer, gründeten z. B. ein renommiertes IT-Unternehmen oder führten den ersten internationalen Hedgefonds speziell für den Devisenhandel zwischen Banken ein. Heute leiten Sie den Gaia Trust und leben auf einem Biobauernhof. Was brachte diese Veränderung in Ihrem Leben?

Ross Jackson: Meine Sicht auf das Leben ist stark geprägt durch eine spirituelle Erfahrung in den 1980er Jahren, die mich gelehrt hat, dass wir alle nur winzige Außenposten des Göttlichen in der physisch erfahrbaren Welt sind, jeder nur eine Seite in einem Buch mit vielen Kapiteln. Das Wichtigste im Leben ist nicht, was wir materiell erreichen, sondern die Fähigkeit, die unvermeidlichen Konflikte mit Großzügigkeit, Liebe und Mitgefühl zu lösen.

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